Wie ich meine innere Mystikerin traf
Aus der Geborgenheit heraus trete ich einen Schritt zurück – und die Dunkelheit verschluckt mich.
Raum und Zeit lösen sich auf. Stromschnellen wirbeln mich umher. Mir wird schwindlig. Ich bin nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren, als ich ein glockenhelles Lachen höre.
Ein Impuls durchströmt mich. Mein Körper erinnert sich. An das Surfen auf einer Welle. An das Reiten eines Pferdes. An das Gleiten auf Skiern. An Hingabe. An Lust. An Rhythmus. An den Moment, in dem meine Beine sich um meinem Liebsten schlingen.
Eins mit dem Sturm jauchze ich vor Freude. Ich tanze am Rand eines Vulkans, unter mir der Abgrund, über mir die Sterne. Das Lachen wird zu Gesang. Es singt mir vom Rhythmus des Lebens, von Hingabe und Liebe, vom Licht, das mich durchfließt. Ich möchte mich auflösen – da zerreißt ein heller Ruf die Weite. Ich werde ausgespuckt. Sanft lande ich auf weichem Boden.
Ich liege auf einer Lichtung, gebettet auf weichem Moos. Sonnenstrahlen fallen durch die Bäume, Tautropfen glitzern, Vögel singen. Ein gewöhnlicher Wald – und doch voller Tiefe, durchwirkt von Lebendigkeit. Alles flimmert in eindrucksvollen Farben.
Ich tauche in das Violett einer Blüte ein, werde Waldboden, Wurzelwerk und Bernstein, Amsel und Brise. Ich breite mich aus und wehe über das Land. Unter mir erscheint ein Gebirge in der Form einer Mondsichel, umrahmt von glitzernden Seen. Ich tauche hinab.
Ein Lachen. Augen blicken mich an, blaugrün funkelnd wie Bergseen. Ein zeitloses Gesicht: Mädchen, Nymphe und Alte zugleich. Hände fassen meine Schultern und rütteln mich wach. Ich zittere, schüttle mich – bis ich fest auf beiden Beinen stehe.
Die Mystikerin steht vor mir und blickt mich ernst an. Sie trägt Wanderstiefel und das Wams der Jägerin. An ihrer Seite schleicht eine Wildkatze, neben ihr tänzelt ein Hirsch.
Sie bedeutet mir, ihr zu folgen.
Wir wandern auf schmalen Pfaden und klettern Felswände hinauf. Die Mystikerin bewegt sich leicht wie eine Gämse. Ich spüre meine Kraft und meine Freude.
Der Wald wird lichter. Auf einer Hochebene taucht eine Hütte auf – ihre Einsiedelei.
Wir treten ein. Über dem Feuer köchelt ein duftender Eintopf, Kräuter hängen an einem Balken.
„Du brauchst jetzt Erdung“, sagt sie und stellt mir Brot, Käse, Fleisch, Obst und eine Schüssel dampfenden Eintopfhin. Ich esse mit Genuss.
„Ekstase ist das Eine“, sagt sie. „Deine Gaben bewusst zu leben, das Andere. Beides braucht Übung. Du musst dich hingeben können – und zugleich in deiner Mitte bleiben. Ein eigener Rhythmus ist die Grundlage.“
Dann schickt sie mich ins Bett. Sie zeigt mir die Leiter, die zu einer Schlafplattform hinaufführt. In Decken und Felle gehüllt blicke ich direkt in den Sternenhimmel.
Am nächsten Morgen steigen wir höher ins Gebirge. Ein Klettersteig führt bis zu einem Felsvorsprung mit weitem Blick über das Tal. Wir betrachten die aufgehende Sonne, die den Himmel in Rosa, Violett und Gelb einfärbt.
Wir trainieren Kraft und Beweglichkeit, Atem und Energiefluss. Tanz und Gesang öffnen den Übergang zum Transzendenten. Wir üben verschiedene Wege in die Trance.
Bevor die Sonne sich verabschiedet, steigen wir ein Stück durch den Wald hinab, dorthin, wo der Fluss seinen Ursprung hat. Ein Wasserfall ergießt sich in ein glasklares Becken.
Die Mystikerin nickt mir zu.
„Schau hinein“, sagt sie.
Ich lege meinen Blick sanft auf die Wasserfläche und tauche in mein Inneres ein. Szenen bilden sich. Ich sehe Menschen, die die in die Einsiedelei besuchen.
Die Mystikerin zeigt sich jedem ein wenig anders: als Jägerin, Klosterfrau, Liebesdienerin, Schamanin oder Hexe. Für manche erscheint sie als zeitlos schöne Fee in fließenden Gewändern, andere sehen sie als Künstlerin, die in ihrem Atelier am Waldrand lebt. Wieder andere sehen keine Gestalt. Sie hören ihre Stimme, spüren ihre Impulse odererkennen ihre Wahrheit im Herzen. Jeder findet seinen eigenen Zugang. Und auch der Priester erscheint jedem auf seine Weise.
Ich spreche aus, was ich gesehen habe. Die Mystikerin lächelt und umarmt mich. Der Rückweg führt durchs Wasser. Ich trete vor – und springe.
Auf ihrem Einweihungsweg begegnet die Ich-Erzählerin der Mystikerin und dem Priester –zwei inneren Kräften ihres Bewusstseins. Die Mystikerin führt in die Tiefe des Erlebens, der Priester gibt dem Erfahrenen Form. Wie zwei Flügel – oder wie Yin und Yang – tragen sie uns durch das spirituelle Leben. Erst wenn beide in uns zusammenwirken, entstehteine Spiritualität, die zugleich lebendig und klar, frei und verantwortungsvoll ist. (…)
Die mystische Perspektive – das Yin – richtet sich nach innen. Der Blick geht in die Tiefe und die Haltung ist empfangend. Die Mystikerin hat Zugang zu den verborgenen Dimensionen des Seins. Sie sucht die unmittelbare Erfahrung, möchte eintauchen und sich dem Leben hingeben. In ihrer Gegenwart öffnest du dich für Inspiration, Ekstase und intuitive Erkenntnis. Sie ist dein direkter Draht zum Seelenraum, der Quelle und den tieferen Dimensionen des Seins.Hier erfährst du Flow, Einheit und zeitlose Gegenwärtigkeit. Du träumst, meditierst, betest und empfängst Bilder oderEinsichten. Grenzen lösen sich auf. Du lässt dich vom inneren Strom tragen und erkennst dich als Teil eines größeren Ganzen.
Mystisches Bewusstsein durchdringt die Welten, die verschiedenen Ebenen des Seins. Es ist ganz im Hier und jetzt – und zugleich jenseits der Zeit. (…) Weiterlesen: Wie ich meinen inneren Priester traf
Die ganze Geschichte im Buch „Spirituell Selbstbestimmt“

