Deine Deutungshoheit gehört dir – spirituelle selbstbestimmung
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, meinte der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Das gilt auch für das spirituelle Leben. Wenn wir unsere Erfahrungen nicht selbst deuten, überlassen wir diese Macht anderen. Dann bestimmen fremde Deutungen, wie wir denken, fühlen und handeln – wir sind nicht spirituell selbstbestimmt.
Nehmen wir als Beispiel einen Traum von mir: Ein Mann in einer Mönchskutte ist mir erschienen. In einer Lebenskrise stand er mir bei und erfüllte mich mit Licht und Liebe.
Jemand kommt und sagt:
☆ „Hey, das ist Jesus Christus! Das kann nur Jesus sein. Er will dir sagen: Du sollst ihm folgen und dem Teufel abschwören!“
☆ Ein anderer meint: „Träume sind Schäume! Alles nur chemische Reaktionen im Gehirn. Du solltest endlich die Tatsachen akzeptieren.“
☆ Wieder jemand anderes: „Das ist die bedingungslose Liebe des Universums! Das einzige, das zählt. Werde zu einer bedingungslos Liebenden!“
☆ Und noch ein anderer: „Das ist dein Animus! Er steht für deine Schattenthemen. Ich kenne da einen guten Therapeuten.“
Bei sinnlich greifbaren, konkreten Dingen wie „Baum“ oder „Tisch“ habe ich dieses Problem nicht. Sie besitzen eine für jeden erkennbare Entsprechung in der Außenwelt. Jeder weiß, wie ein Tisch aussieht. Niemand würde auf die Idee kommen, ihn mit einem Ball oder einer Gurke zu verwechseln.
Bei dem Mann aus meinem Traum ist das etwas anderes. Ich muss nach Deutungen suchen. Als spirituell selbstbestimmter Mensch will ich nicht unreflektiert irgendetwas nachplappern. Warum ist das so wichtig? Sprache bleibt ja nicht im luftleeren Raum. Unsere Deutungen wirken auf unser Leben – sie bestimmen, wie wir handeln und was wir für möglich halten.
Wenn ich zum Beispiel der Person glaube, die sagt, der Mann aus meinem Traum sei nur ein Produkt chemischer Reaktionen meines Gehirns, heißt das im Umkehrschluss: Es gibt keinen tieferen Sinn im Leben. Ich beraube mich um die heilsame Wirkung, die eine sinnstiftende Deutung für mich haben könnte. In Folge fällt es mir schwerer, meine Lebenskrise zu bewältigen.
Wenn ich der Person glaube, die mich vom Teufel bekehren will, lande ich vielleicht in einer Kirche oder einem Kult mit strikten Regeln, die mein Leben bestimmen. Möglicherweise wird dort von mir erwartet, viel Geld zu spenden, mich züchtig zu kleiden oder nur auf eine bestimmte Weise meine Sexualität zu leben. Unter Umständen verliere ich sogar die Selbstbestimmung über meinen eigenen Körper. Manche religiösen Gruppierungen etwa verbieten ihren Gläubigen lebenswichtige medizinische Behandlungen wie Bluttransfusionen.
Was ich damit sagen will: Die Art, wie wir etwas sprachlich deuten, wirkt direkt auf unser Leben – wenn wir diese Deutungen ernst nehmen, formen sie unsere Entscheidungen und unseren Handlungsspielraum.
Natürlich kann ich auch mit den Schultern zucken und die anderen einfach reden lassen. Doch wenn ich gar keine Deutungen vornehme, lande ich in einem sinnleeren Raum. Ich lebe dann wie ein Tier von Moment zu Moment, kann keine Zukunft planen, mein Leben hat keine Richtung. Auch so bin ich nicht spirituell selbstbestimmt.
Unsere inneren Erfahrungen selbst zu deuten, gehört zu einer lebendigen, reifen Spiritualität. Wir sind nicht auf einen Priester, Guru oder ein festes Werte- und Glaubenssystem angewiesen, das uns eine einzige Deutungsmöglichkeit vorgibt, die wir gedankenlos auf alles anwenden.
Allerdings müssen wir nicht immer gleich einen Namen für etwas haben. Es darf auch einfach in seiner rohen, unmittelbaren Qualität in uns wirken. Zunächst ließ ich offen, wer dieser Mann aus meinem Traum war. Seine Gegenwart hatte Gewicht, Wärme und eine tiefe Bedeutung, die ich fühlen konnte.
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