Wir sind spiritueller, als wir glauben
Wahrscheinlich kennst du solche Momente. Du richtest den Blick in dein Inneres und tauchst in einen lebendigen Strom aus Bildern und Eingebungen. Du wanderst durch den herbstlichen Wald und fühlst dich innig verbunden mit der Natur und der Jahreszeit. Du gehst so sehr in einer kreativen Arbeit auf, dass die Zeit still zu stehen scheint. Eine innere Stimme sagt dir, einen bestimmten Weg einzuschlagen. Mitten in einer Krise öffnet sich etwas in dir. Du fühlst dich berührt, geliebt, geführt – aus der Seelentiefe heraus.
Erfahrungen wie diese gehören zu unserem Leben. Es sind spirituelle Erfahrungen – und zugleich Gaben. Oft entstehen sie ganz von selbst, lange bevor wir Worte für sie finden. Sie sind Ausdruck unserer Verbindung mit der Seele und den verschiedenen Dimensionen des Seins. Wenn ich in diesem Buch von Spiritualität spreche, meine ich genau diese Seelenverbindung.
Ein Bild begleitet mich dabei seit vielen Jahren: der Weltenbaum Yggdrasil aus der nordischen Mythologie. Als spirituell begabte Menschen sind wir wie der Baum des Lebens. Unsere Wurzeln ragen hinab in den Urgrund, aus dem alles entsteht. Dort sind wir in Kontakt mit archaischen Kräften und allem Sinnlichen, mit intuitiver Weisheit und den Tiefenschichten unseres Wesens und der Welt. Unsere Krone ragt hinauf in den Himmel bis weit ins Universum. Sie schenkt uns die Fähigkeit zu Bewusstheit und Erkenntnis, unseren Sinn für Werte und Bedeutung, und ermöglicht uns einen umfassenderen Blick auf die Dinge. Mit unserem Stamm stehen wir in diesem Leben, in unserem Körper, mit unserem Ich-Bewusstsein und unserer individuellen Persönlichkeit. Im Stamm sind wir ganz Mensch mit Herz und Verstand – und über ihn wandeln wir zugleich zwischen Urgrund und Sternenhimmel hin und her.
Wenn man dieses Bild mit der Seele begreift, erschließt sich eine tiefe Weisheit: Das menschliche Leben ist so beschaffen, dass es im Brennpunkt der Welten steht und diese in sich vereint. Wir alle tragen von Natur aus ein spirituelles Potenzial in uns.
Bemerkenswert ist, wie selten wir dieses spirituelle Potenzial zu erkennen scheinen.
Wie selten wir seinen Wert würdigen.
Wie selten wir eigene Worte dafür finden.
Wie selten wir unsere Erfahrungen selbst deuten.
Wie selten wir unsere spirituellen Talente bewusst entfalten.
Entsprechend wenige Menschen sagen von sich: „Ich bin spirituell.“ Ja, wer steht schon selbstbewusst dazu, eine Mystikerin oder ein Mystiker zu sein?
Ein Grund dafür ist, dass wir in einer Kultur leben, in der Spiritualität keinen würdigen Platz einnimmt. Moderne Gesellschaften haben für das, was wir erleben, vor allem rationale Erklärungen parat, während spirituelle Perspektiven im öffentlichen Diskurs kaum vorkommen. Wer von der Seele oder von einer geistigen Welt spricht, landet schnell in der Schublade „esoterisch“. Es fehlt uns eine selbstverständliche, kulturell anerkannte Sprache für diese Dimension unseres Daseins. So erkennen viele gar nicht, welches spirituelle Potenzial bereits in ihnen angelegt ist.
Gleichzeitig war es noch nie so einfach, mit spirituellen Angeboten in Berührung zu kommen. Auf nahezu jede drängende Sinnfrage scheint bereits eine fertige Antwort zu warten – in einer Ideologie, im erstbesten Licht-und-Liebe-Zirkel, bei einem prominenten Coach oder einem Schamanen im fernen Regenwald.
Genau hier setzt dieses Buch an.
Wir erleben etwas – und suchen die Deutung unserer Erfahrungen zunächst im Außen.
Oft geschieht das ganz unbemerkt. Wir fühlen uns in einem Seminar, auf einem Festival oder in einer spirituellen Gemeinschaft tief berührt und beginnen ganz selbstverständlich, ihre Sprache, ihre Symbole und ihre Sicht auf die Welt zu übernehmen.
Jemand erklärt uns, was unsere Erfahrung „wirklich“ bedeutet. Schon bald sprechen wir von „höherem Selbst“ oder „Erleuchtung“, ohne diese Begriffe mit unserem eigenen Erleben abzugleichen. In einem Kreis wird erwartet, dass wir unsere Gefühle möglichst intensiv zeigen und den Verstand ausschalten sollen. In einem anderen erzählt man uns, eine Meditation im Lotussitz sei als wertvoller als das spontane Eintauchen in die Seelentiefe.
Dieses Muster begegnete mir überall: in traditionellen Religionen ebenso wie in spirituellen Zirkeln, in Coaching-Kreisen, alternativen Gemeinschaften, Selbsterfahrungsgruppen, in Familien und unter Freunden.
Mangelnde spirituelle Selbstbestimmung hat viele Gesichter. Sie zeigt sich in ungebetenen Ratschlägen, Bevormundung oder Gruppendruck. Erschreckend oft besteht sie aber auch einfach darin, die eigene Seelendimension gar nicht erst als bedeutsam wahrzunehmen.
Die Übergänge zu spirituellem Missbrauch sind dabei oft fließend. Er beginnt nicht erst in extremen Erscheinungsformen – nicht erst in gefährlichen Sekten oder totalitären Systemen. Spiritueller Missbrauch beginnt viel früher: nämlich dort, wo andere uns vorschreiben wollen, wie wir unsere Erfahrungen deuten und welche Konsequenzen wir daraus ziehen sollen.
Bitte versteh mich nicht falsch: Es ist nichts dabei, von anderen Menschen zu lernen und sich von ihnen inspirieren zu lassen. Ich selbst habe sehr von spirituellen Ausbildungen, Büchern, erfahrenen Wegbegleitern und dem Austausch mit anderen profitiert. Sie können Türen öffnen, neue Perspektiven schenken und wertvolle Kompetenzen weitergeben. Doch durch diese Tür gehen musst du selbst. Keine Lehrerin, kein Guru und keine Freundin kann letztlich besser wissen als du selbst, was eine Erfahrung für deine Seele bedeutet. Genau darin liegt der Kern spiritueller Selbstbestimmung.
In diesem Buch gehen wir daher der Frage nach, wie du dein spirituelles Potenzial erkennst, entfaltest und deinen eigenen spirituell selbstbestimmten Weg findest. Es ist zugleich eine Einweihung in deine mystischen und priesterlichen Gaben – in das, was längst in dir angelegt ist.
Und damit meine ich sehr konkrete Fragen:
☆ Wie spricht meine Innenwelt zu mir – in Bildern, Worten, Gefühlen, Körperempfindungen oder Konzepten?
☆ Wie trete ich in Kontakt mit den tieferen Dimensionen des Seins – und welchen Namen gebe ich ihnen: Seelenraum, Quelle, geistige Welt?
☆ Wie folge ich meiner Intuition?
☆ Welche Form der Meditation entspricht mir? Welche Rituale?
☆ Kenne ich mich selbst – meine Persönlichkeit, meine Motive, meine Gaben?
☆ Spüre ich, wann ich spirituell selbstbestimmt bin – und wann ich mir fremde Deutungen überstülpen lasse?
☆ Wie lebe ich meine spirituelle Verantwortung in der Welt?
Gelingt es dir, darauf Antworten zu finden – in deinen eigenen Worten, in einer Sprache, die deinem unmittelbaren Erleben wirklich entspricht?
Auch ich habe lange damit gerungen. Nicht, weil mir die Erfahrungen fehlten, sondern weil ich sie nicht einordnen und würdigen konnte. Lass mich dich ein Stück auf meinen Lebensweg mitnehmen…
Weiterlesen in meinem Buch „spirituell selbstbestimmt“.


